Studienüberblick

Warum große IT-Programme scheitern: Ein Überblick über drei viel zitierte Untersuchungen.

Kernthese

Bei großen IT-Programmen ist die Abweichung vom Plan der Normalfall. Wo nach Ursachen gefragt wird, nennen die Befragten überwiegend Steuerung, Koordination und Entscheidungswege und nur selten die technische Umsetzung. Drei methodisch sehr unterschiedliche Untersuchungen kommen über zwölf Jahre hinweg zum selben Befund hoher Planabweichung. Ihre Zahlen lassen sich allerdings nicht zu einer einzigen Quote verrechnen.

Quellenbasis

Die Auswertung stützt sich auf drei veröffentlichte Untersuchungen, die sich in Erhebungsjahr und Methodik deutlich unterscheiden. Die aktuellste ist die BCG-Studie „Most Large-Scale Tech Programs Fail" von 2024, eine Befragung von rund 1.000 Unternehmen in 59 Ländern. Deutlich älter, aber bis heute prägend ist die Untersuchung von Bloch, Blumberg und Laartz (McKinsey & Company mit der University of Oxford, 2012) mit 5.400 IT-Projekten. Danach überschreiten große IT-Programme ihr Budget im Schnitt um 45 Prozent und liefern 56 Prozent weniger Wert als geplant. Der Standish CHAOS Report 2020 („Beyond Infinity") stuft 31 Prozent der untersuchten Projekte als erfolgreich ein, 50 Prozent als „challenged" und 19 Prozent als gescheitert. Zwei der drei Quellen sind älter als fünf Jahre, eine davon älter als zehn. Die BCG-Erhebung von 2024 zeigt, dass sich das Grundmuster seither nicht aufgelöst hat.

Analyse

Zusammen zeigen die drei Untersuchungen zweierlei. Erstens ist bei großen IT-Programmen die Abweichung vom Plan der Normalfall. Das gilt für die Klassifikation von Standish, nach der nur knapp ein Drittel der Projekte erfolgreich ist, ebenso wie für die Kennzahlen von McKinsey und Oxford mit ihren systematischen Abweichungen bei Budget und Wert. Die Erwartung, dass ein großes Programm ohne aktive Gegensteuerung in Zeit, Budget und Scope bleibt, ist empirisch nicht gedeckt. Zweitens stehen Steuerungsthemen im Vordergrund, wo nach Ursachen gefragt wird. Das tut allerdings nur eine der drei Quellen. In der BCG-Befragung nennen mehr als 60 Prozent der Programme das Fehlen eines durchgängigen Master-Plans mit kritischem Pfad und klaren Abhängigkeiten als zentrale Ursache. 60 Prozent verweisen auf das Fehlen eines aktiven PMO, das die Wertlieferung überwacht und entstehende Risiken erkennt.

Die Unterschiede zwischen den Quellen sind ebenso aufschlussreich wie ihre Gemeinsamkeiten, denn die drei Quellen messen nicht dasselbe. Standish ordnet Projektergebnisse nach einem eigenen, mehrfach kritisierten Erfolgsbegriff aus Zeit, Budget und Zufriedenheit ein. McKinsey und Oxford beziffern Abweichungen gegenüber den Planwerten. BCG erhebt, welche Ursachen die Unternehmen selbst angeben. Ein gescheitertes Projekt bei Standish ist deshalb nicht dasselbe wie ein „failed program" bei BCG, und die Zahlen lassen sich nicht zu einer einzigen Misserfolgsquote verrechnen. Belastbar ist die gemeinsame Richtung der Befunde und weniger die einzelne Prozentzahl. Drei methodisch verschiedene Zugänge kommen über zwölf Jahre hinweg zum selben Ergebnis hoher Planabweichung.

Einordnung

Über die Auswertung hinaus lassen sich zwei wiederkehrende Muster ableiten. Das erste ist ein fehlender Master-Plan, in dem die Abhängigkeiten ausdrücklich beschrieben sind. Das zweite ist ein fehlendes aktives PMO mit dem Mandat, gegenzusteuern. Beide Muster führen zur selben Frage, nämlich ob ein Programm über die Steuerungsbausteine verfügt, die seine tatsächliche Komplexität verlangt.

Grenzen dieser Auswertung

Dieser Überblick hat drei Grenzen. Erstens beruht er ausschließlich auf veröffentlichter Forschung Dritter. loumiTECH hat keine eigene empirische Erhebung durchgeführt. Zweitens wurden die Quellen nicht systematisch ausgewählt, wie es ein akademisches Literatur-Review verlangen würde. Ein Publikationsbias ist möglich, weil auffällige Misserfolgszahlen häufiger veröffentlicht und zitiert werden als unauffällige Erfolge. Drittens stammen zwei der drei Quellen von Beratungsunternehmen. BCG und McKinsey haben ein kommerzielles Interesse an der Diagnose, dass Programme an der Steuerung scheitern, weil sie Leistungen zur Steuerung verkaufen. Auch die Standish Group vermarktet ihre CHAOS-Daten kommerziell. Die Befunde sind deshalb als übereinstimmende Hinweise zu lesen und nicht als neutrale Messung.

Quellen

  1. Boston Consulting Group (2024): Most Large-Scale Tech Programs Fail. Befragung von rund 1.000 Unternehmen in 59 Ländern. bcg.com/publications/2024/most-large-scale-tech-programs-fail-how-to-succeed
  2. Bloch, M., Blumberg, S., Laartz, J. (2012): Delivering large-scale IT projects on time, on budget, and on value. McKinsey & Company mit dem BT Centre for Major Programme Management, University of Oxford. Datenbasis: 5.400 IT-Projekte. mckinsey.com
  3. The Standish Group (2020): CHAOS 2020: Beyond Infinity. The Standish Group International. standishgroup.com
Methoden- & Transparenzhinweis Inhaltstyp: Studienüberblick

Dieser Beitrag ist ein Überblick über veröffentlichte Forschung Dritter. loumiTECH hat keine eigene empirische Erhebung durchgeführt. Alle Zahlen sind den im Beitrag genannten Originalquellen zugeordnet. Die Quellen wurden nicht systematisch ausgewählt, wie es ein akademisches Literatur-Review verlangen würde.

Generative KI wurde unterstützend für Rechercheplanung, Quellenfindung, Strukturierung und sprachliche Überarbeitung eingesetzt. KI-Ausgaben wurden nicht als eigenständige Quelle verwendet. Auswahl, Prüfung der Originalquellen, Interpretation und finale Fassung wurden durch Shirin Meggendorfer verantwortet.

Version
1.1
Veröffentlicht
29. April 2026
Zuletzt geprüft
25. Oktober 2026
Status
Auswertung veröffentlichter Forschung, keine Primärerhebung
Änderungen in Version 1.1
Typ von Evidenz-Review auf Studienüberblick geändert, weil keine systematische Suche zugrunde liegt. Gartner-Zahl ohne Quelleneintrag und Verweis auf ein eigenes Modell entfernt. Text sprachlich überarbeitet.